Lesen ist keine Fähigkeit unter vielen. Es ist die Fähigkeit, an der alle anderen hängen. Wer die Textaufgabe nicht versteht, kann Mathematik nicht zeigen. Wer den Sachtext nicht durchdringt, fällt in Biologie zurück. Und darum ist ein Befund der IGLU-Studie so unangenehm.
Die Zahl
Die Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, kurz IGLU, prüft alle fünf Jahre die Lesekompetenz von Viertklässlern. Die 2023 veröffentlichte Erhebung von 2021 ergab: 25,4 Prozent der Viertklässler in Deutschland erreichen den international definierten Mindeststandard nicht.
Zum Vergleich der Verlauf:
- 2001: rund 17 Prozent
- 2016: 18,9 Prozent
- 2021: 25,4 Prozent
Ein Viertel eines Jahrgangs verlässt die Grundschule, ohne einen Text sicher lesen und verstehen zu können. Diese Kinder gehen dann in die weiterführende Schule, wo ab Klasse fünf vorausgesetzt wird, dass man liest, um zu lernen.
Woran es nicht liegt
Es liegt nicht an mangelnder Begabung. Lesen ist keine Gabe, es ist eine Technik — und wie jede Technik braucht sie Übung. Wer viel liest, wird gut; wer wenig liest, bleibt mühsam. Das ist der ganze Mechanismus.
Und hier liegt die Falle: Solange Lesen mühsam ist, macht es keinen Spaß. Wer keinen Spaß hat, liest nicht freiwillig. Wer nicht freiwillig liest, übt nicht. Wer nicht übt, bleibt bei der Mühsal. Dieser Kreis schließt sich in den ersten zwei Schuljahren — und danach ist er schwer zu öffnen.
Was zu Hause hilft
Die Grundschule kann nur begrenzt gegensteuern; im Klassenraum sitzen fünfundzwanzig Kinder. Was das Elternhaus tun kann, ist erstaunlich konkret:
- Weiter vorlesen, auch in Klasse eins und zwei. Das ist der wichtigste Punkt. Selbst lesen und vorgelesen bekommen sind zwei verschiedene Dinge. Das eine ist Übung, das andere ist Genuss. Wer nur noch übt, verliert die Lust.
- Das Ein-zu-drei-Muster. Ihr Kind liest eine Seite, Sie lesen die nächsten drei. So kommt die Geschichte voran, und das Kind erlebt Lesen nicht als Prüfung.
- Leichte Bücher zulassen. Ein Erstleser mit großer Schrift und Bildern ist kein „Babybuch“, sondern das richtige Werkzeug. Ein zu schweres Buch, an dem ein Kind scheitert, richtet mehr Schaden an als zehn leichte, die es schafft.
- Jeden Tag ein bisschen. Zehn Minuten sind besser als nichts, und Regelmäßigkeit schlägt Länge.
- Lesen sichtbar machen. Kinder ahmen nach. Wenn Sie selbst nie ein Buch in der Hand haben, ist Lesen für Ihr Kind eine Schulaufgabe — und nichts, was Erwachsene freiwillig tun.
Erstleser, Zweitleser: was der Unterschied ist
Bücher für Leseanfänger sind abgestuft, und die Stufen sind mehr als Marketing:
- Erstleser — sehr große Schrift, kurze Sätze, viel Bild, oft Silbentrennfarben. Für Kinder, die einzelne Wörter erlesen.
- Zweitleser — kleinere Schrift, längere Abschnitte, erste Kapitel. Für Kinder, die flüssiger werden und eine Handlung über mehrere Seiten halten.
- Vorlesebücher — sprachlich anspruchsvoller als alles, was das Kind selbst lesen könnte. Genau das ist ihr Zweck.
Ein Kind kann und soll alle drei gleichzeitig haben: eines zum Üben, eines zum Vorlesen, eines zum Anschauen.
Quelle: IGLU 2021 — Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, veröffentlicht im Mai 2023. Vergleichswerte aus den Erhebungen 2001 und 2016.
Bücher zum Lesenlernen
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