Es ist der naheliegendste Gedanke der Welt: Das Kind kann lesen, also braucht es kein Vorlesen mehr. Die Vorlesestudie der Stiftung Lesen zeigt, dass viele Familien genau so handeln — und dass es ein Fehler ist.
Was passiert
Die Zahlen der Vorlesestudie zeichnen eine deutliche Kurve. Mit steigendem Alter der Kinder wird immer weniger vorgelesen, und der Bruch liegt bei der Einschulung. Von den Eltern sechsjähriger Kinder liest etwa ein Fünftel nicht mehr vor, bei den Siebenjährigen ist es rund ein Drittel, bei den Achtjährigen etwa die Hälfte.
Gleichzeitig gilt über alle Altersgruppen: Mehr als einem Drittel der Kinder wird selten oder nie vorgelesen.
Warum das ausgerechnet jetzt schadet
Ein Kind in der ersten Klasse kann Buchstaben zu Wörtern zusammensetzen. Das ist eine große Leistung — und es ist noch kein Lesen im Sinne von Verstehen. Die ganze Aufmerksamkeit geht in die Technik: Buchstabe, Laut, Wort, nächstes Wort. Für die Geschichte bleibt kaum Kapazität übrig.
Wenn in diesem Moment das Vorlesen wegfällt, erlebt das Kind Lesen nur noch als Anstrengung. Die Belohnung — eine spannende Geschichte — koppelt sich ab. Fachleute nennen das den kritischen Punkt: Hier entscheidet sich, ob ein Kind ein Leser wird oder jemand, der lesen kann und es meidet.
Erst wenn das Erlesen so automatisch läuft, dass es keine Aufmerksamkeit mehr kostet, kann ein Kind sich auf den Inhalt einlassen. Bis dahin ist Vorlesen die einzige Quelle für Lesefreude.
Was Sie stattdessen tun können
- Parallel fahren. Das Kind übt tagsüber mit einem Erstleser, abends lesen Sie ein anspruchsvolleres Buch vor. Zwei verschiedene Dinge, beide wichtig.
- Abwechselnd lesen. Ein Absatz Kind, drei Absätze Sie. Oder: Das Kind liest die Dialoge einer Figur, Sie den Rest.
- Anspruchsvoller vorlesen, als das Kind selbst lesen kann. Das ist der eigentliche Sinn des Vorlesens. Ein Siebenjähriger versteht zuhörend Geschichten, an denen er lesend scheitern würde.
- Nicht zum Test machen. Kein Abfragen, kein Korrigieren jedes Fehlers. Die Vorlesezeit ist keine Übungsstunde.
- Aufhören, wenn es genug ist. Ein Kapitel, das mitten in der Spannung endet, ist besser als eines, bei dem das Kind einschläft und es beim nächsten Mal keine Lust mehr hat.
Bis wann eigentlich?
Es gibt kein Alter, ab dem Vorlesen aufhören muss. Viele Zehnjährige lassen sich gern noch vorlesen, wenn es nicht als Kleinkindsache gilt. Und ein gemeinsames Hörbuch auf der Autofahrt oder ein Buch, das Eltern und Kind parallel lesen und darüber reden, erfüllt einen ähnlichen Zweck: Lesen bleibt etwas, das man gemeinsam tut.
Quelle: Vorlesestudie der Stiftung Lesen — stiftunglesen.de/vorlesestudie
Vorlesebücher für Schulkinder
Bücher, die sprachlich mehr bieten, als ein Erstklässler selbst lesen könnte — genau darum geht es.