Wimmelbücher wirken auf den ersten Blick wie das Gegenteil von Leseförderung: keine Geschichte, kaum Text, nur vollgepackte Bilder. Man kann sie nicht vorlesen im üblichen Sinn.
Genau darin liegt ihre Stärke.
Der entscheidende Unterschied: Wer spricht?
Beim klassischen Vorlesen ist die Rollenverteilung klar. Der Erwachsene liest, das Kind hört zu. Das ist wertvoll — Kinder begegnen dabei Wörtern und Satzbauten, die im Alltag nicht vorkommen.
Beim Wimmelbuch dreht sich das um. Es gibt nichts vorzulesen, also muss erzählt werden — und das übernimmt meist das Kind. Es zeigt, benennt, erfindet Zusammenhänge: „Der ist hingefallen.“ „Die sucht ihren Hund.“ „Warum weint die?“
Und aktives Sprechen bringt sprachlich mehr als passives Zuhören. Wer ein Wort selbst benutzt, behält es anders als jemand, der es nur hört. Beim Wimmelbuch spricht das Kind über weite Strecken selbst — oft mehr als in jeder anderen Buchsituation.
Was dabei nebenbei geübt wird
- Wortschatz in die Breite. Auf einer Wimmelseite sind hunderte Dinge benennbar: Gegenstände, Berufe, Tätigkeiten, Gefühle. Kein Erzähltext bietet diese Dichte.
- Erzählen lernen. Aus Einzelbildern eine Geschichte zu machen, ist genau die Fähigkeit, die später beim Aufsatz gebraucht wird — und sie lässt sich hier spielerisch üben.
- Genaues Hinsehen. Eine Figur über mehrere Seiten zu verfolgen, schult die Aufmerksamkeit fürs Detail.
- Ursache und Wirkung. „Warum liegt der Eimer um?“ — solche Fragen führen zu logischen Schlüssen, lange bevor ein Kind sie in Worte fassen kann.
Wie man ein Wimmelbuch gemeinsam anschaut
Es gibt kein Richtig und Falsch, aber ein paar Dinge machen es ergiebiger:
- Das Kind führen lassen. Es entscheidet, wo geschaut wird und wie lange. Ihre Rolle ist die des Fragenden, nicht des Erklärenden.
- Offene Fragen statt Quiz. „Was macht der da?“ bringt mehr als „Wo ist der Hund?“. Die erste Frage lädt zum Erzählen ein, die zweite hat nur eine richtige Antwort.
- Eine Figur verfolgen. Viele Wimmelbücher erzählen kleine Geschichten über alle Seiten hinweg. Die zu entdecken, ist für Kinder ein großer Moment.
- Selbst mitmachen. Erzählen Sie auch einmal etwas, das gar nicht zu sehen ist. Kinder merken den Unterschied und protestieren mit Vergnügen.
Für welches Alter?
Wimmelbücher wachsen ungewöhnlich lange mit. Ein Zweijähriger zeigt und benennt einzelne Dinge. Ein Vierjähriger erfindet Geschichten. Ein Sechsjähriger sucht Details und entdeckt den Witz in den Nebenszenen. Dasselbe Buch, drei ganz verschiedene Nutzungen — deshalb gehören sie zu den langlebigsten Büchern im Regal.
Häufige Fragen
Ersetzen Wimmelbücher das Vorlesen?
Nein, sie ergänzen es. Beim Vorlesen begegnen Kinder Buchsprache — Satzbauten und Wörter, die niemand spricht. Beim Wimmelbuch üben sie das eigene Erzählen. Beides zusammen ist stärker als jedes für sich.
Mein Kind zeigt nur und sagt nichts. Mache ich etwas falsch?
Nein, das ist der normale Anfang. Benennen Sie, worauf es zeigt — dann hört es das Wort in dem Moment, in dem seine Aufmerksamkeit genau dort ist. Das ist die wirksamste Form, Wortschatz aufzubauen.
Wie lange hält so ein Buch?
Länger als fast jedes andere. Weil es keine Geschichte gibt, die man kennt, gibt es auch kein „schon gelesen“ — es gibt nur Seiten, auf denen man noch nicht alles entdeckt hat.
Wimmel- und Mitmachbücher
Bücher, bei denen Ihr Kind selbst erzählt — von den ersten Pappseiten bis zu den dicht bevölkerten Suchbildern.