Es gibt wenige Zahlen in der Bildungsforschung, die so anschaulich sind wie diese: 1,4 Millionen Wörter. So groß ist der Unterschied im Sprachangebot zwischen einem Kind, dem täglich vorgelesen wird, und einem Kind, dem nie vorgelesen wird — gerechnet bis zum ersten Schultag.
Woher die Zahl kommt
Eine Forschungsgruppe um Jessica Logan an der Ohio State University hat 2019 etwas Naheliegendes getan, was vorher niemand gemacht hatte: Sie hat ausgezählt, wie viele Wörter in typischen Kinderbüchern stehen, und das mit Angaben von Eltern darüber verrechnet, wie oft sie vorlesen.
Das Ergebnis, veröffentlicht im Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, staffelt sich so:
- Fünf Bücher am Tag — rund 1,4 Millionen Wörter mehr bis zum Schuleintritt
- Ein Buch am Tag — etwa 290.000 Wörter mehr bis zum fünften Geburtstag
- Nie vorgelesen — dieses Sprachangebot fehlt vollständig
Fünf Bücher am Tag klingt nach viel. Bei Pappbüchern für Zweijährige, die aus zwölf Seiten bestehen, ist es das nicht. Und der Punkt der Studie ist auch nicht die Höchstmarke, sondern das Gefälle: Jedes Buch zählt.
Warum Buchsprache anders ist
Man könnte einwenden: Kinder hören doch den ganzen Tag Sprache. Stimmt — aber nicht dieselbe. Gesprochene Alltagssprache in der Familie bewegt sich in einem überschaubaren Wortfeld. Es geht um Essen, Anziehen, Aufräumen, Abholen. Das sind wichtige Wörter, aber es sind immer dieselben.
In Büchern begegnen Kindern Wörter, die am Küchentisch nicht vorkommen: dämmern, Gestrüpp, zögern, Werkstatt, seufzen. Dazu kommen Satzbauten, die gesprochen kaum jemand verwendet — Nebensätze, indirekte Rede, Rückblenden. Genau diese Strukturen braucht ein Kind später, um Sachtexte in der Schule zu verstehen.
Kinder, die mehr Wörter gehört haben, sind besser darauf vorbereitet, diese Wörter gedruckt zu sehen, wenn sie in die Schule kommen. Sie lernen das Lesen wahrscheinlich schneller und leichter.
Jessica Logan, Ohio State University
Was das praktisch bedeutet
Aus der Forschung folgen drei ziemlich unspektakuläre Ratschläge:
- Täglich statt lange. Zehn Minuten jeden Abend wirken mehr als eine Stunde am Wochenende. Das Gehirn braucht Wiederholung, nicht Intensität.
- Dasselbe Buch ist erlaubt. Wenn Ihr Kind zum vierzehnten Mal dieselbe Geschichte hören will, ist das kein Rückschritt. Bei jeder Wiederholung versteht es mehr — und lernt Wörter, die es beim ersten Mal überhört hat.
- Reden Sie über das Buch. „Warum ist der Fuchs jetzt traurig?“ bringt mehr als das reine Vorlesen. Die Forschung nennt das dialogisches Lesen: Das Kind wird vom Zuhörer zum Gesprächspartner.
Und was ist mit Hörspielen?
Hörspiele sind besser als nichts und für lange Autofahrten ein Segen. Aber sie ersetzen das Vorlesen nicht. Beim Vorlesen passiert etwas, das ein Lautsprecher nicht leisten kann: Sie halten inne, wenn Ihr Kind stockt. Sie erklären das Wort, das es nicht kannte. Sie zeigen auf das Bild. Und Ihr Kind erlebt, dass Sie sich diese Zeit nehmen.
Quelle: Logan, J. A. R.; Justice, L. M.; Yumuş, M.; Chaparro-Moreno, L. J.: When Children Are Not Read to at Home: The Million Word Gap. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 2019. Zusammenfassung der Ohio State University: news.osu.edu
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