Warum Vorlesen wirkt

Vorlesen ist die wirksamste und billigste Bildungsmaßnahme, die Eltern zur Verfügung steht. Das ist keine Meinung, sondern lässt sich in Zahlen ausdrücken. Hier sind die wichtigsten — und was daraus für den Abend auf dem Sofa folgt.

Eine Million Wörter Unterschied

Eine Forschungsgruppe um Jessica Logan an der Ohio State University hat ausgerechnet, wie viele Wörter Kinder über Bücher hören, bevor sie in die Schule kommen. Das Ergebnis: Kinder, denen täglich fünf Bücher vorgelesen werden, hören bis zum Schuleintritt rund 1,4 Millionen Wörter mehr als Kinder, denen nie vorgelesen wird. Schon ein einziges Buch am Tag macht bis zum fünften Geburtstag etwa 290.000 Wörter Unterschied.

Der Punkt ist nicht die Zahl selbst, sondern was dahinter steckt: Buchsprache ist anders als Alltagssprache. Im Gespräch am Frühstückstisch kommen ein paar hundert Wörter vor. In Büchern begegnen Kinder Wörtern, die sonst nicht fallen — und lernen Satzbauten, die sie beim Sprechen nie hören würden.

Kinder, die mehr Wörter gehört haben, sind besser darauf vorbereitet, diese Wörter gedruckt wiederzusehen. Sie lernen Lesen schneller und leichter.

Zusammenfassung der Befunde von Logan u. a., 2019

Lesen ist die Fähigkeit, an der alle anderen hängen

Wer nicht sicher liest, versteht die Textaufgabe in Mathematik nicht, kommt im Sachunterricht nicht mit und verliert später den Anschluss in nahezu jedem Fach. Deshalb ist der Befund der IGLU-Lesestudie so ernst: 25,4 Prozent der Viertklässler in Deutschland erreichen den Mindeststandard im Lesen nicht. 2016 lag dieser Wert bei 18,9 Prozent, 2001 bei rund 17 Prozent. Jedes vierte Kind verlässt die Grundschule, ohne richtig lesen zu können.

Diese Kinder sind nicht weniger begabt. Ihnen fehlt Übung — und in vielen Fällen die Selbstverständlichkeit, dass Bücher zum Leben gehören.

Der Einbruch nach der Einschulung

Die Vorlesestudie der Stiftung Lesen erhebt regelmäßig, wie viel in deutschen Familien vorgelesen wird. Zwei Befunde daraus sind für uns die wichtigsten:

  • Mehr als einem Drittel der Kinder wird selten oder nie vorgelesen.
  • Mit der Einschulung hört das Vorlesen vielfach auf. Von den Eltern siebenjähriger Kinder liest ein gutes Drittel nicht mehr vor, bei den Achtjährigen etwa die Hälfte.

Das ist nachvollziehbar — das Kind kann jetzt doch selbst lesen. Und trotzdem ein Fehler. Denn ein Erstklässler, der mühsam Buchstaben zusammensetzt, versteht noch keine Geschichte. Die Freude am Inhalt kommt weiterhin über das Vorlesen. Wer jetzt aufhört, nimmt dem Kind genau in dem Moment das Lesevergnügen weg, in dem das Lesen zur Anstrengung wird.

Unsere Empfehlung

Lesen Sie weiter vor, auch wenn Ihr Kind lesen lernt. Ein bewährtes Muster: Das Kind liest eine Seite, Sie lesen drei. So bleibt die Geschichte spannend, und das Üben fühlt sich nicht wie Hausaufgabe an.

Was Vorlesen außerdem tut

Neben Wortschatz und Lesekompetenz passiert am Abend noch etwas anderes, das sich schwerer messen lässt und mindestens genauso wichtig ist:

  • Konzentration. Eine Geschichte über zwanzig Minuten zu verfolgen, ist Übung in Aufmerksamkeit — etwas, das kurze Videos nicht trainieren.
  • Gefühle benennen können. Bücher liefern Worte für Wut, Angst, Eifersucht und Trauer. Kinder, die diese Worte haben, müssen weniger toben.
  • Perspektivwechsel. Wer mitfühlt, wie es der Figur im Buch geht, lernt, sich in andere hineinzuversetzen.
  • Zuwendung. Eine Viertelstunde, in der das Handy weggelegt ist und in der es nur um das Kind und die Geschichte geht.

Wie viel ist genug?

Zehn bis fünfzehn Minuten täglich sind wirksamer als eine Stunde am Sonntag. Regelmäßigkeit schlägt Dauer. Und es muss nicht jeden Abend ein neues Buch sein — Kinder wollen dieselbe Geschichte oft hören, weil sie beim dritten Mal Dinge verstehen, die sie beim ersten Mal überhört haben. Das ist kein Rückschritt, das ist Lernen.

Und wenn mein Kind nicht zuhören will?

Dann passt meist das Buch nicht zum Alter oder zum Interesse. Ein Vierjähriger, der Bagger liebt, hört bei einer Feengeschichte nicht zu — bei einem Wimmelbuch mit Baustelle sehr wohl. Deshalb sortieren wir unsere Bücher zuerst nach Alter und dann nach Thema. Und wenn Sie unsicher sind, fragen Sie uns einfach.

Wir helfen bei der Auswahl

Schreiben Sie uns Alter und Interessen Ihres Kindes — wir antworten mit zwei oder drei konkreten Vorschlägen aus unserem Bestand. Kein Verkaufsgespräch, nur eine Empfehlung.


Quellen

  • Logan, J. A. R.; Justice, L. M.; Yumuş, M.; Chaparro-Moreno, L. J.: When Children Are Not Read to at Home: The Million Word Gap. Journal of Developmental & Behavioral Pediatrics, 2019. Zusammenfassung der Ohio State University: news.osu.edu
  • IGLU 2021 — Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung, veröffentlicht im Mai 2023.
  • Vorlesestudie der Stiftung Lesen: stiftunglesen.de/vorlesestudie